Tag 3 – Kurzgeschichte: Der Mann, der nicht da war…

Die folgende Kurzgeschichte ist schon ein wenig älter. Es war einer meiner früheren Versuche, in Englisch zu schreiben. Dafür hatte ich mir eine ‚Twilight Zone‘-artige Geschhte ausgedacht und im Portal WritersCafe hochgeladen (wer mag kann sie hier lesen) – ursprünglich schon einige Jahre zuvor, aber nach einem Portalupdate sind die meisten Kurzgeschichten von damals verloren gegangen, bis auf diese hier, die ich 2011 dann erneut hochgeladen habe.

Für meine neue Seite habe ich die Geschichte jetzt ins Deutsche übertragen und ich möchte die nächsten Tage als Fingerübung eine Hörbuchversion basteln – wird dazu dann auch ein kleines Vlog-Video Making Off geben. Hier aber schon einmal die Geschichte voran…

Der Mann, der nicht da war…

Es hätte einer dieser ganz normalen Morgen sein können. Ich schlug die Augen auf und begrüßte ihn wie so oft zuvor mit einem breiten Gähnen, während ich Arme und Beine von mir streckte. Schummeriges Licht fiel durch das linke Fenster in den Raum und gab mir gerade noch die Gelegenheit, langsam den Schlaf abzuschütteln. Gedankenverloren wanderte meine rechte Hand unter die Decke, griff jedoch ins Leere. Sarah war nicht da. Sie musste schon vor einer ganzen Weile aufgestanden sein, denn ihre Hälfte des Bettes war glattgestrichen und bereits wieder kalt. Oh nein, hatte ich schon wieder den halben Tag verschlafen? Ich kämpfte mich auf die Beine, griff mir Hemd und Hose und stolperte ins Bad. Eine Ladung kaltes Wasser würde meinem Kreislauf schon Beine machen! Eine Katzenwäsche später legte ich langsam den morgendlichen Zombimodus ab. Aus den Augenwinkeln sah ich jetzt die Leuchtanzeige des Weckers auf Sarahs Seite des Bettes: 7 Uhr morgens?

Das konnte nicht stimmen! Warum sollte Sarah zu so einer gottlosen Zeit bereits den Schutz des sicheren Bettes verlassen? Ich rannte nach unten, um nach einer Nachricht oder irgendeinem Hinweis zu suchen, wo meine liebe Frau abgeblieben war. Fehlanzeige. Weder auf dem Frühstückstisch, noch dem Schränkchen in der Diele oder dem Wohnzimmerregal. Und jetzt fiel mir auch auf, dass hier auch sonst keine Spur war, das Sarah heute früh überhaupt hier gewesen war. Mit einem wachsenden Unbehagen versuchte ich die Geschehnisse von letzter Nacht zu rekonstruieren. Da musste doch irgendein Hinweis schlummern, wo sie abgeblieben war. Wir waren jetzt schon über 15 Jahre verheiratet und so etwas hatte es noch nie gegeben! Aber so sehr ich auch die Stirn in Falten legte, da wollte sich nichts finden lassen. In einem letzten Anflug von Hoffnung griff ich nach dem Telefon und wählte die Nummer ihres Handys. Und ja es klingelte, aber Momente später drang das Surren des Vibrationsalarms ihres Handys von oben an mein Ohr. Sie musste es im Schlafzimmer vergessen haben, als sie es letzte Nacht aufgeladen hatte. Resigniert stellte ich fest, dass mir nur noch Warten half. Früher oder später musste sie zurückkommen oder sich zumindest melden.

Also setzte ich mich zurück an den Esstisch, fingerte die Zeitung von gestern aus der Ecke und fuhr mit dem Artikel über das Sterben der Wälder fort. Doch es lies mich nicht los. Immer wieder wanderten meine Gedanken zurück zu Sarah und was bloß passiert sein musste, dass sie mich ohne jeden Hinweis am frühen Montagmorgen ganz alleine zurück gelassen hatte. Hoffentlich war ihr nichts zugestoßen, sonst würde ich mir ewig Vorwürfe machen! Als mich auch die Zeitung nicht Ablenken konnte, versuchte ich es mit dem Radio, bekam aber nur weißes Rauschen und zwar eine Menge davon. Musste das alte Ding wohl den Geist aufgegeben haben! Doch je länger ich alleine in der Küche saß und Löcher in meinen Kaffee starrte, so sehr wandelte sich die Sorge in Ärger über ihr plötzliches Verschwinden. Und als die Uhr kurz vor 9 Uhr anzeigte beschloss ich es erstmal aufzugeben und zur Arbeit zu fahren. Ich war auch schon ein paar Minuten zu spät dran.

Ich angelte meinen Schlüsselbund verließ das Haus mit einem dumpfen Gefühl der Leere tief in meinen Gedanken versunken. Wahrscheinlich fiel es mir deshalb zuerst gar nicht auf, dass ein Kegel der Stille mich umgab. Keine Menschen, keine Verkehr, kein einziger verdammter Vogel war zu hören. Als ich das Firmengebäude gute 20 Minute später erreichte, fand ich es verschlossen vor. Der Schließdienst sollte die Türen eigentlich bereits um 7 Uhr 30 geöffnet haben! Jetzt entkam mir ein lauter Fluch. Großartig, dieser Tag war bereits eine volle Katastrophe! Und dann traf mich die Erkenntnis: Keine Menschen, überhaupt irgendwo! Ich stand mitten im Zentrum meiner Stadt, wo zu dieser Zeit tausende von emsig von A nach B laufende Massen sich bewegen sollten und die Autos Stoßstange an Stoßstange ihre Abgase in die Luft bliesen. Nichts, nicht mal die geringste Spur war zu sehen, dass heute überhaupt irgendjemand das Haus verlassen hatte! Das musste ein Alptraum sein. Aber das obligatorische Kneifen bewies, dass ich mich in der realen Welt befand. Und ich war das einzige Lebende Individuum das übrig war. Jetzt ergab ich mich ganz der Panik und eine Welle zwischen Angst und Adrenalin spülte mich hinfort.

Ich rannte durch leere Straßen, die vor wenigen Stunden noch rege bevölkert gewesen waren. Irgendwann brannte meine Lunge und hielt Keuchend inne. Langsam kämpfte sich mein Verstand wieder an die Oberfläche und beruhigte meinen Wahnsinn. Ich mochte dann Stunden durch die verlassene Stadt gestreift sein, bevor ich realisierte, welche Möglichkeiten meine Situation bieten konnte. Ich als einziger Mensch auf Erden? Ich konnte überall hingehen und alles machen, was ich mir in meinen kühnsten Träumen nicht hatte vorstellen können. Das Richtig und Falsch spielte keine Rolle mehr. Niemand könnte etwas dagegen tun! Für die nächsten Stunden hatte ich Spaß. Meine Lieblingsläden luden zum kostenlosen shoppen ein und ich gönnte mir einen schicken Designeranzug, fand einen Porsche und machte eine kleine Spritztour quer durch die Fußgängerzone, die Musik bis zum Anschlag aufgedreht.

Als sich die Sonne langsam auf den Rand des Horizonts zubewegte, nistete sich ein neuer Gedanke ein. Ich dachte an Filme, wie den „Omegamann“ oder „28 days later“. An schreckliche Mutationen und Monster, die hinter der nächsten Ecke auf mich lauern könnten und nur auf die nahende Nacht warten würden, um mich zu holen! Ich stieg mit aller Kraft auf die Bremse, würgte den Motor ab und das Radio verstummte. Im nächsten Moment brach erneut die absolute Stille über mich herein. Unmöglich mich zu bewegen verharrte ich, bis die Dunkelheit hereingebrochen war und nun ein kleiner Wind ein paar alte Zeitungen durch die Häuserschluchten der Großstadt wehte. Mit flauem Gefühl saß ich da und wartete auf den Angriff, der nicht kommen würde. Ich bezwang meine Angst und beschloss wieder in mein eigenes Leben zurück zu kehren und nach Hause zu fahren.

Zurück in meinen vier Wänden hatte sich nichts verändert und meine Gedanken drehten sich wieder um Sarah. Wie sehr ich sie vermisste, Ihr Lächeln, das kleine Zwinkern in ihren grauen Augen. Ob ich sie je wiedersehen würde? Die Tage kamen und gingen, aber so sehr ich versuchte, mein Leben in meiner schönen neuen Welt zu genießen, ich musste immer wieder an Sarah denken. Also vergrub ich mich zuhause in meinem Sofa. Und auf einmal war es so, als könnte ich ihre Stimme hören. Aber sie klang dumpf und von unendlich weit her, als steckte sie hinter den Wänden. Aber was sie sagte, konnte ich nicht verstehen. Was wollte sie mir erzählen? Ich würde es nie erfahren. Und trotzdem war da auf einmal dieses Gefühl der Erleichterung und Geborgenheit. Es war gut. Der Augenblick streckte sich in die Unendlichkeit.
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„Doktor? Ich bin mir sicher, seine Augenbraue hat sich bewegt!“, rief Sarah Connell durch den Raum. Doktor Butterbloom kam zu ihr und legte seine Hand tröstend auf Ihre Schulter. „Mrs Connell, Ich weiß, wie sich das für sie anfühlen muss, aber ich kenne Duzende von Fällen, wie diesem. Vertrauen sie mir, da ist nichts, was sie noch tun können! Sehen sie, seine Gehirnaktivität ist auf so einem niedrigen Niveau angekommen, dass es wohl nur noch eine Frage von Tagen sein wird, bis wir sie überhaupt nicht mehr messen können! Und so furchtbar das auch für sie klingen mag, ist dass das einzige, was sie noch tun können, es zu beenden – ein für alle Mal. Er wird nur noch von den Maschinen am Leben gehalten, Sie sollten…“ – „Genug!“, unterbrach sie den Mediziner und brach in Tränen aus. „Ich liebe meinen Ehemann. Niemals könnte ich ihn so im Stich lassen! Ich,…“ – Große Tränen rannen ihr Gesicht herunter. „Mrs. Connell“, versuchte der Arzt so empathisch wie möglich zu klingen, „Es sind bereits 9 Monate seit dem Schlaganfall. Die Chancen, dass er jemals ins Leben zurück kommt stehen 1 zu 1.000.000. Es tut mir so unsagbar Leid, aber es gibt nichts, das wir tun können.“

Schmerz entlud sich in ihren Augen. Sie hatte jede freie Minute, die sie erübrigen konnte, an seiner Seite verbracht. Konnte dies wirklich der Moment sein, alle Hoffnung aufzugeben und ihn gehen zu lassen? Sie hasste sich alleine für den Gedanken. Doch 4 Stunden später, in denen sich sein Zustand weiter verschlechtert hatte, gab sie ihm einen letzten Abschiedskuss, unterschrieb die Papiere und es war vorbei. Sie würde nie erfahren, was mit ihm geschehen war, aber sie würde ihn niemals vergessen.

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